Foto: Nicole Kramm @nicole_kramm

Logbuch einer sozialen Explosion

Von Nicole Kramm Caifal @nicole_kramm

Am 17. Oktober 2019, im Vorfeld des Aufstandes, dokumentierte ich mit meiner Kamera, was bei den massiven Umzügen in der U-Bahn passierte. Die Freude und Aufmüpfigkeit der protestierenden Studenten zauberten ein Lächeln der Komplizenschaft ins Gesicht vieler Menschen. Es war einer der aufregendsten Tage meines Lebens. Am 18. Oktober erlebte ich in der U-Bahn wie Hunderte von Studenten ihr legitimes Recht auf Protest wahrnahmen. Aber die Freude schlug binnen einer Sekunde in Entsetzen um, als exzessive Gewalt über uns hereinbrach. Nach diesen Tagen an gab es kein Halten mehr und es gab Kundgebungen, Märsche, Lagerfeuer, Topfschlagen, Barrikaden, Widerstand, Repression, Polizeiübergriffe, Militär auf den Straßen und dann kamen die Toten.

Weil Militär und Carabineros[1] die ganze Zeit die Menschenrechte in Chile verletzten, haben wir sie fotografiert, sie gefilmt, sie mit dem Objektiv erschreckt. Unsere Waffen waren die Kameras und sie wussten es. Sie haben uns eingeschüchtert und angegriffen, weil wir all ihre miesen Praktiken anprangerten. An einem einzigen Tag in der Alameda habe ich 10 verwundete Journalisten und Fotografen gezählt, denn wir waren Zielscheiben der Polizei. Sobald sie unsere Kameras sahen, wurde gezielt auf uns geschossen. Die ganze Zeit liefen Leute verwundet durch die Alameda[2], während man hemmungslos auf uns schoss. Ich sah das Blut an ihren Gesichtern herunterlaufen. Es war so erschütternd, dass ich eines Tages meine Kamera senkte und weinte. Ich fühlte mich wie in einem Massaker. Plötzlich richtete ein Polizist seine Waffe getrieben von völligem Sadismus und totaler Böswilligkeit direkt auf mein Gesicht. Ich hatte schreckliche Angst, blind oder tot zu enden. Ein Baum bewahrte mich vor diesem Schuss.

Aber in der Silvesternacht, eine Stunde vor dem Jahreswechsel, feuerte ein Carabinero eine Kugel direkt in mein linkes Auge, während ich mit einigen Kollegen die Alameda entlangging. Es geschah nicht inmitten eines Protestes oder einer Menschenmenge. Der Carabinero hat einfach auf mich geschossen, weil er uns mit unserer Kameraausrüstung gesehen hat. Mein Auge war zerstört. In einem Medienbericht wurde beschrieben, dass, wenn mein Auge eine Kamera wäre, die Blende nicht mehr funktionieren würde und das Teleobjektiv ausgefallen wäre; es gäbe wenig oder keine Tiefenschärfe und die Fotos wären zu 95 % in Dunkelheit gehüllt.

Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben in einem Augenblick so sehr verändern würde. Es ist nicht leicht zu akzeptieren. Die Ärzte sagten, dass der Schaden irreversibel sei, dass es keine Operation gäbe, um meine Sehkraft zu retten. Das war für mich wie ein Wiedererleben des Schusses, dieses Schusses des feigen Paco[3], der einen Teil von mir ausgelöscht hat, und der mich so viel Schmerz empfinden ließ. Ich hatte Angst, war hoffnungslos und hilflos, man hatte mein Leben ruiniert.

Die erste Zeit war sehr hart. Ich durchlebte brutale Tage. Ich habe viel geweint und hatte Schmerzen. Mein Blutdruck war so hoch, dass ich das Gefühl hatte, mein Gehirn würde explodieren. Ich hatte das Gefühl, dass man mir von der Schläfe aus ein Messer ins Auge stechen würde und litt unter Schwindel, Erbrechen und Verlust des Tiefensinns. So kam die Zeit der Augenklappe, denn Licht im Auge foltert uns. Ich schloss alle Vorhänge, bis ich Dunkelheit bekam und verwandelte mich so in eine Art Fledermaus. Ich sah nur Schwarz und Lichter am Rand des Blickfeldes. Wie in einem Foto kommt es manchmal auf der Netzhaut zu Blitzen und blinkt, Lichter flattern.

Ich nahm meine Sachen und ging nach Wallmapu[4], um meine Mapuche[5]-Leute zu treffen. Eine Machi, eine indigene Heilerin, gab mir einige jahrtausendealte Heilmittel. Während sie mir ein Gebet in Mapudungun[6] vortrug, spürte ich, wie sie mich aufmerksam und voller Hoffnung beobachtete. Sie sagte mir, dass ich Newen[7] einer Kriegerin im Blut habe und dass es mir gut gehen wird. Ich werde mit der Pachamama[8] gehen, ich werde in Heilung schwingen, ich werde mich schützen.

Ich will Gerechtigkeit für mich und für alle meine GenossInnen. Heute klage ich an, dass in Chile unsere Menschenrechte systematisch und mit voller Absicht verletzt werden. Ich habe es gesehen und ich habe es erlebt. Kugeln gegen Steine und Feiglinge, die es wagen, auf ihr unbewaffnetes Volk zu schießen. Ich habe den Schrecken und das Entsetzen auf den Gesichtern der Menschen gesehen und auf meinem eigenen gefühlt, aber ich weiß, dass sich meine Augen, die auch so viel Freude wie Entsetzen gesehen haben, nicht schließen werden, auch nicht unter all der Repression des Staates. Die Politik des Terrors wird nicht funktionieren. Wir werden weiterhin aufzeichnen, anprangern und dokumentieren, denn wir werden die Straßen nicht verlassen. Wir werden weiterhin die Kommunikationsbelagerung des Staates durchbrechen, um eine soziale Kommunikation im Dienst des Volkes aufzubauen.


[1] Polizei in Chile

[2] Hauptstraße in Santiago

[3] Bulle [ugs.]

[4] Mapucheregion im Süden Chiles

[5] Indigenes Volk in Chile

[6] Sprache der Mapuche

[7] Mapundungun für Kraft

[8] Mapuche für Erdmutter

* Übersetzung: Alejandro Boucabeille www.alejandroboucabeille.com

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