Foto: Rodrigo López veröffentlicht von Londres 38

Gedenkstätte Londres 38: Der Kampf gegen Straflosigkeit – gestern und heute

Von Marcela Cornejo, Journalistin @marcepaoli

Am 11. September 1973 wurde in Chile die Verfassung außer Kraft gesetzt, die zivil-militärische Diktatur wurde durch die Ermordung des Präsidenten Salvador Allende installiert. Von da an wurde die Verletzung von Menschenrechten zu einer dramatischen Alltäglichkeit. Tausende von Menschen wurden gefoltert, ermordet, wurden verschwinden gelassen, ins Exil geschickt und inhaftiert. Seitdem spielt der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit eine Schlüsselrolle für Menschenrechtsorganisationen, Anwälte, Verwandte, Freunde und Opfer. Eine dieser Organisationen ist Londres 38, die ihren Namen von der gleichnamigen Adresse herleitet, eine Gedenkstätte, ein Haus, das vom Inlandsgeheimdienst DINA[1] als Gefängnis, Folter- und Vernichtungszentrum genutzt wurde. Nachdem es vor etwas mehr als einem Jahrzehnt besetzt und in einen Ort verwandelt wurde, der die Erinnerung an die Hunderte von Menschen aufrechterhält, die an diesem Ort das Grauen der Diktatur erlebten, ist es zu einem Bezugspunkt für die Kämpfe der Gegenwart geworden.

Seit dem 18. Oktober 2019, dem Beginn des Volksaufstands in Chile, sind Menschenrechtsverletzungen erneut zum Mittel des chilenischen Staates zur Eindämmung des sozialen Kampfs geworden. Das Land erlebt durch seinen Unterdrückungsapparat eine neue Welle institutioneller Gewalt: mehr als 40 Tote, Tausende von Klagen wegen Folter und Übergriffen, mehr als 400 Menschen mit Augenverletzungen, Vergewaltigungen und sexueller Belästigung, mehr als 2.000 Menschen in politischer Haft – alles „Maßnahmen“, um soziale Unruhen einzudämmen.

Angesichts dieser Realität öffnete Londres 38 seine Gedenkstätte zur Erstversorgung[2] für den Betrieb einer Gruppe von Ersthelfern[3], die sich später als Sanitätsbewegung im Widerstand organisierten. Seitdem fungiert dieses Gebäude, das während der Diktatur dazu benutzt wurde, die Menschenwürde zu zerstören, heute als ein Ort der Heilung und Hilfe für diejenigen, die unter staatlicher Gewalt leiden.

Darüber hinaus schloss sich das Anwaltsteam von Londres 38 seit Beginn des Volksaufstandes der Rechtshilfe der Universität von Chile an. Dieses Anwaltsteam vertrat bisher seit Jahrzehnten anhängige Klagen, um das endgültige Schicksal der Verhafteten und Verschwundenen, die dieses DINA-Zentrum durchlaufen hatten, zu klären, sowie um Zugang zu den geheimen Archiven der Institutionen während der Diktatur zu erhalten.

Die Rechtshilfe der Universidad de Chile gründete sich, um die Opfer des Unterdrückungsapparats der Gegenwart zu unterstützen und spielt eine zentrale Rolle bei der Entgegennahme von Beschwerden, der Beratung von Opfern, der Einreichung von Klagen und der Veröffentlichung von Berichten, die Woche für Woche den systematischen Missbrauch der Staatsgewalt dokumentieren. Das Anwaltsteam führte eine Analyse und Systematisierung der Daten der Opferaussagen durch und hat zwei Klagen eingereicht, die sich auf die Repressionsmuster beziehen, die auf der Plaza de la Dignidad und der Plaza Maipú während des Volksaufstandes angewendet wurden.

Diese in Chile einzigartige Sammelklage wird vom Anwaltsteam von Londres 38 gemeinsam der Gemeinschaft femistischer Anwältinnen (ABOFEM)[4], dem Zentrum der Jurastudenten der Universität von Chile und weiteren Anwälten vertreten. Die Kämpfe von gestern und heute erfordern die unnachgiebige Verteidigung der Menschenrechte der Demonstranten. Der Kampf der Gedenkstätte Londres 38 gibt uns die Garantie, dass die Gewalt der Vergangenheit verschwunden ist und bedeutet gleichzeitig das Ende der Straflosigkeit der Gewalt.


[1] „Dirección Nacional de Inteligencia“

[2] Punto de Primeros Auxilios PAA

[3] „Brigadistas de salud“

[4] „Colectivo Abogadas Feministas (ABOFEM)“


* Übersetzung: Alejandro Boucabeille www.alejandroboucabeille.com

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