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Foto: Cristóbal Saavedra @crstbl.saavedra

Die vier Gesichter der chilenischen Arbeitswelt

Von Gonzalo Durán S. Ökonom der Stiftung Fundación SOL, Doktorand an der Universität Duisburg-Essen @lafundacionsol

Im Großen und Ganzen zeichnet sich die Arbeitswelt in Chile durch vier charakteristische Aspekte aus: sie ist instabil, hat gravierende Probleme der sozialen Sicherheit, ist gekennzeichnet von niedrigen Löhnen und mit sehr hohen Machtungleichgewichten zwischen Arbeitgebern und organisierten Arbeitnehmern.

Sie ist instabil, weil fast 30% der Arbeitsverträge befristet sind, aber auch, weil die Hälfte derjenigen, denen es gelingt, Zugang zu unbefristeten Verträgen zu erhalten, eine effektive Dauer von weniger als 15 Monaten haben. Sie hat ernste Probleme in Bezug auf die soziale Sicherheit, da fast 30 % derjenigen, die im informellen Sektor arbeiten, dies ohne jeglichen sozialen Schutz tun, aber auch, weil selbst diejenigen, die Beiträge zahlen, mit einem Rentensystem konfrontiert sind, das keine ausreichenden Renten liefert. Würde man das Geld aus der beitragspflichtigen Rente als einzige Einkommensquelle betrachten, läge die Armutsquote für Menschen über 60 Jahre bei über 38 %.

Das dritte Schlüsselmerkmal sind niedrige Löhne und ihr Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten. In Chile verdient einer von zwei Erwerbstätigen 590 US-Dollar oder weniger. Diese Zahl ist im Verhältnis zu den Mindestlebenshaltungskosten niedrig, vor allem wenn man bedenkt, dass in Chile die meisten der so genannten sozialen Rechte (z.B. Bildung und Gesundheit) stark kommerzialisiert werden und daher selbst finanziert werden müssen. Um diese Zahl in Relation zur Kaufkraft oder Wirtschaftskraft zu setzen, ist es sinnvoll, sie mit der Armutsgrenze für einen vierköpfigen Haushalt zu vergleichen. Im Jahr 2018 belief sich der Wert auf 636 US-Dollar, so dass 57% aller Erwerbstätigen in Chile eine durchschnittliche Familie nicht aus der Armut befreien konnten (64% bei den Frauen und 52% bei den Männern). Die Folge sind hohe Schulden (über 11 Millionen Menschen, sogar mehr als die erwerbstätige Bevölkerung in einem Land mit 18 Millionen Einwohnern) und Zahlungsrückstände (fast 30% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter).

Foto: Fernando Lavoz @flavoz

Das vierte Merkmal bezieht sich auf die Machtungleichgewichte zwischen der organisierten Arbeiterschaft und den Unternehmern. In Chile neigt sich die Bilanz einem offensichtlichen Gewinner zu: den Arbeitgebern, die in hohem Maße von der gewerkschaftsfeindlichen Politik des Diktators Pinochet Ende der 1970er Jahre profitierten, die später von den post-autoritären Regierungen konsolidiert wurde. Der aussagekräftigste Aspekt ist, dass Gewerkschaften in Chile eine Ausnahme bilden und wo es sie gibt, treten sie zersplittert auf, in Tausenden von kleinen Zusammensschlüssen (es gibt fast 12.000 Gewerkschaften) ohne wirkliche organisatorische Macht außer in einigen wenigen Fällen.

Tarifverhandlungen werden in Chile zwischen den Gewerkschaften, die in jedem Unternehmen und sogar in jeder Abteilung des Unternehmens gegründet werden, und den Arbeitgebern geführt. Es gibt keine gesetzliche Bestimmung für Tarifverhandlungen nach Wirtschaftszweigen, was gemeinsamen Druck verhindert. Hinzu kommt die Tatsache, dass es eine bedeutende und wachsende Beteiligung von Personaldienstleistern gibt, die das Arbeitsgebiet weiter fragmentiert. Infolgedessen haben fast 90% der Beschäftigten keinen Zugang zu einem kollektiven Arbeitsvertrag und Entscheidungen an ihrem Arbeitsplatz werden einseitig getroffen. Seit dem letzten Jahrzehnt gibt es Erfahrungen mit gewerkschaftlichen Kämpfen, die es geschafft haben, das Ungleichgewicht teilweise zu brechen, aber angesichts der enormen gewerkschaftlichen Zersplitterung und der sozialen Hegemonie durch Verschuldung gibt es eine Mehrheit, die nicht in der Lage ist, auf extreme wirtschaftliche Ausbeutung zu reagieren.

Foto: Cristóbal Saavedra @crstbl.saavedra

* Übersetzung: Alejandro Boucabeille www.alejandroboucabeille.com

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